Wie zeichne ich Trendlinien in einen Chart?
Heute ist kleiner Verfallstag. Eine meiner Trading Regeln ist es, an diesen Tagen nicht zu handeln. An solchen Tagen sind einfach viel zu viele Gegenspieler mit extrem tiefen Taschen unterwegs, die die Kurse in eine mir völlig unverständliche Richtung treiben. Daher habe ich den ersten Live Trade von Pierre auf daytrading.de verfolgen können, den er in seinem Beitrag “Deutsche Bank mit Multi-Time Frame Short” beschrieben hat. Ich will hier aber nicht weiter auf den Trade eingehen, sondern allgemein über die Art und Weise schreiben, wie meiner Meinung nach Trendlinien gezeichnet werden sollten.
Denn was ich nicht verstanden habe, ist das Signal zum Short Einstieg. Ich habe mich gewundert, wie Pierre die Lage der von ihm eingezeichneten Trendlinien festlegt, zumal er in einem Video etwas von einer “Spekulation [...] auf das Halten der Trendlinie” schreibt. Es muss also genau definierte Regeln geben, nach der Trendlinien in den Chart gezeichnet werden. Mir ist klar, dass es die eine absolute Trendlinie nicht gibt. Und auch wenn es sie gäbe, hieße das natürlich nicht, dass der Kurs genau an ihr abprallt.
Noch mehr Fragen kamen auf, als ich anschließend einige Aussagen im Chat zu obigem Trade gelesen habe. Hier ein paar Beispiele:
- pit: ich sehe auf H1 chart frisch einen ausbruch aus dem abwärtstrendkanal (kanaloberkante bei ca. 75,23).
- naddelanna: Mittelfristiger Abwärtstrend seit Mai 2007. Trendkanaloberseit liegt bei 77,51, genau auf oberem Bollinger-Band. Denke aber, dass der Gesamtmarkt am Nachmittag fallen wird und damit euren Short-Trade rettet
- drrosl: Dt. Bank Short wäre für mich interesant, sobald es wieder in den Trendkanal geht. Habe mal 100 Stck zu 74,5 Short eingegeben mit SL knapp ein Euro drüber
- pit: drrosl, hab mit den trendkanal noch mal “sauber” auf D1 eingemalt, habe dort ne kante von 75,49
Ok, hier haben wir ein paar Zahlen: die 77,51 EUR von “naddelanna”, die 74,50 EUR von drrosl und die 75,23 EUR im Stundenchart von “pit”, die im Tageschart “sauber” eingezeichnet auf 75,49 EUR korrigiert wurden. Es scheint jeder so seine eigene Methode zu haben, die Trendlinien zu zeichnen.
Dagegen ist erstmal auch gar nichts einzuwenden. Schwammig wird die ganze Angelegenheit meiner Meinung nach aber, wenn man für das Ziehen von Trendlinien keine festen Regeln aufgestellt hat. Oft lese ich etwas von “Ich zeichne die Trendlinien so, dass sie auf möglichst vielen Kerzen aufliegt.” Das ist für mich keine feste Regel, außer das “Aufliegen auf möglichst vielen Kerzen” ergibt sich aus einer mathematisch definierten Regressionsanalyse. In den meisten dieser Fälle erfolgt das Einzeichnen der Trendlinie dann aber doch nach “Pi mal Daumen durch Windrichtung”; und wie es der Zufall will, befindet sich der aktuelle Kurs dann genau an dieser Trendlinie.
Ich halte mich an die Regeln, die Victor Sperandeo in seinem Buch “Trader Vic” beschreibt, und die ich hier verkürzt wieder geben möchte:
- Wähle den Zeithorizont aus, für den die Trendlinie gültig sein soll.
- Für einen Aufwärtstrend gilt: Zeichne eine Linie durch das tiefste Tief im gewählten Zeitraum und ein höheres Tief vor dem höchsten Hoch, so dass die Linie zwischen diesen beiden Tiefs keine weiteren Kurse schneidet. Es kann sein, dass die Linie den Kursverlauf hinter dem höchsten Hoch schneidet. Das ist ein Indikator für einen möglichen Trendwechsel.
- Für einen Abwärtstrend gilt: Zeichne eine Linie durch das höchste Hoch im gewählten Zeitraum und ein tiefer gelegenes Hoch vor dem tiefsten Tief, so dass die Linie zwischen diesen beiden Hochs den Kursverlauf nicht Kurse schneidet.
Ich will damit nicht sagen, dass dieses die einzig wahre und richtige Methode ist, Trendlinien zu zeichnen. Auch kann ich nicht zusichern, dass man mit diesen Trendlinien reich wird, wenn sie nach obigen Regeln gezeichnet werden. Ich bin sogar sicher, dass es Trader gibt, deren “Pi mal Daumen” Trendlinien wesentlich besser funktionieren als die hier vorgestellten.
Alles was ich sagen will ist: ich bevorzuge diese Regeln weil sie einfach zu befolgen sind und vor allem, weil sie die Linien eindeutig festlegen und es dadurch für mich keinen Spielraum für weitere Interpretationen gibt. Michi, Co-Autor bei daytrading.de, scheint die gleichen Regeln anzuwenden.
Schauen wir uns die Anwendung der Regeln anhand des Charts der Aktie der Deutschen Bank an:
Falsch: nicht das letzte relative Hoch vor dem tiefsten Tief
Falsch: Linie mit möglichst vielen Berührungspunkten. Welche gefällt mir denn am besten?
Richtig: Die Linie verbindet das höchste Hoch mit dem Zwischenhoch vor
dem tiefsten Tief, so dass dazwischen keine weiteren Berührungspunkte entstehen.
Ich beanspruche hier natürlich keine universelles “Richtig” und “Falsch”. Diese beziehen sich ausschließlich auf obige Regeln.
Jetzt wisst Ihr, wie ich Trendlinien zeichne. Ich würde nun gerne wissen, nach welchen Regeln ihr Trendlinien bestimmt. Schreibt einfach einen Kommentar.
Hi Olaf,
sehe ich ähnlich, aber in der Praxis lasse ich mich häufiger doch wieder vom Bauchgefühl leiten und bin dann nicht so konsequent. Eine mich sehr interessierende Frage wäre der Stopp-Loss, d.h. wenn Du nach der von Dir aufgezeichneten Methode eine Position eingehst, wie wählst Du den optimalen Stopp?
VG,
Torsten
Hi Torsten!
Puh, optimaler stop loss …. Gibt es so etwas?
Ich bin eher Spezialist darin, bei einem Long wirklich das absolute Tief und bei einem Short das absolute Hoch zu treffen. Leider nicht mit meinem Einstieg, sondern mit meinem Stop, d.h. kurz nachdem ich rausgeworfen wurde, dreht der Kurs in die von mir erwartete Richtung.
Für den Stop habe ich keine einfachen Regeln, die ich hier mal schnell 1,2,3 aufschreiben könnte. Das ist eine Mischung aus Trendlinien, horizontalen Unterstützungen und Widerständen, gleitenden Durchschnitten, aktuelle Handelsspanne, intraday Verhalten, allgemeines Marktumfeld, usw. usw.
Für einen Swing Short über einige Tage in der DBK oben wäre mein Einstieg ausgehend vom jetzigen Chartbild bei ca. 80 EUR mit einem Stop etwas oberhalb der Novembertiefs, also bei ca. 84 EUR. Daraus berechne ich dann die Anzahl der Aktien mit dem Position Size Calculator.
Die Frage ist aber, welches Kursziel ich habe und ob sich das Risiko, den Trade einzugehen, überhaupt lohnt. Bei der aktuell recht positiven Marktverfassung würde ich eher nach einem eventuellen Abprall an der Trendlinie einen Longeinstieg um die 76.50 EUR ins Auge fassen.
Olaf …. wenn Du selber das Gefuehl hast immer am HL ausgestoppt zu werden, dann mache fuer Dich eine objektive statistik, wie weit der Kurs noch gelaufen ist nachdem Du gestoppt wurdest.
Hat mir fruher auch geholfen.
Ich habe erst Statistik gefuehrt wo und wann ich gestoppt wurde. Dann in welchem Verhaeltnis der Stop zum Entry lag. Danach die Entries verbessert. Seit dem kaum noch stops am HL.
Probiere es mal.
Zu Deiner Anleitung zum Zeichnen von TL’s : Ich stimme Deiner “Methodik” zu.
Gruss Mike
Hi Mike,
vielen Dank für Deinen Tip. Meine Aussage war eher eine subjektive Auswertung wie z.B. “an der anderen Kasse geht es immer schneller”.
Eigentlich bin ich mit meinen Stops recht zufrieden. Manchmal erwische ich aber wirklich das Hoch oder das Tief. Mit der Zeit lernt man natürlich dazu. Teilweise “ahne” ich den shake out / fake out und setze meinen entry dort, wo ich früher meinen stop platziert hätte. Sooo leicht mache ich es meinen Gegenspielern (also auch Euch) nicht mehr. :-)
moin,
2 fragen dazu.
hier im bild,

übernehme ich die untere trendlinie nach oben.
das zeichnen der unteren ist ja kein problem und wird mir von den tiefs vorgegeben.
aber wo setze ich sie oben?
beim ersten hoch?
oder je nachdem was tiefer, wenn ich sehe das es dort mehr berührungspunkte gibt?
hier im bild

mal eine generelle frage zum kerzenchart oder punktechart.
im kerzenchart sieht es nach einer bodenbildung aus, es gibt keine neuen tiefs.
im close chart habe ich aber immer noch eine fallende linie was ja gegen ein trendende sprechen würde.
hat sich da rüber schon mal jemand gedanken gemacht?
ich habe es jetzt eigentlich mehr durch zufall entdeckt.
gruß
Moin Moin!
Zu Frage 1 (MMM):
Die untere Trendlinie wird durch die Tiefs vorgegeben, das stimmt. Wenn ich die Frage nach der oberen richtig verstanden habe, willst Du eine Parallele zur unteren zeichnen und bist Dir nicht sicher, wo diese zu positionieren ist. Woher weißt Du, dass bei MMM ein parallel verlaufender Trendkanal existiert? Ich weiß es nicht, und scheinbar sehen wir ihn beide auch nicht. Verbinde doch auch einfach die Hochs, und schon sehen wir keinen Trendkanal, sondern ein aufsteigendes Dreieck.
Zu Frage 2:
Das ist Sache der Anschauung. Ich bevorzuge, die gesamte Information zu nutzen, d.h. OHLC Charts (Balken, Candlestick, was auch immer…).
Es wird aber auch die Meinung vertreten, dass die Eröffnung, sowie die Hochs und Tiefs nicht so aussagekräftig seien, da zu diesen Zeitpunkten erhöhte Emotionen im Spiel gewesen sein sollen. Der Schlusskurs sei dagegen rationaler.
Das halte ich für Mumpitz. Erstens sind zu Handelsschluss genauso viele Emotionen im Spiel wie zu Anfang (”schnell noch rein/raus”). Zweitens will ich mit den Trendlinien ja gerade auch die Extrema einfangen, denn warum sollte der Kurs in Zukunft nicht ebenfalls durch Emotionen auf extreme Werte getrieben werden. Genau das sind ja die Zeitpunkte, an denen man sich gut gegen die emotionsgeladene Masse positionieren kann. Und drittens sind die Märkte weltweit so vernetzt, dass - etwas übertrieben dargestellt - der Schlusskurs an der einen Börse der Eröffnungskurs an einer anderen ist.
scheinbar ist dein dreieck richtig,
aber es gibt wohl auch die paralle.
ich habe mal die linien auf den close kurs gelegt,
da habe ich schöne berührungspunkte oben und unten, wenn ich nicht irre?
und dne gleichen ausbruch wie bei deinem dreick.
gruß
Ich persönlich bin mit “Linien” (im wahrsten Sinne des Wortes) sehr vorsichtig. Meistens handelt es sich um Zonen. Natürlich gilt das für den FX Bereich noch viel mehr als für andere (Nicht-OTC) Märkte.
Hi Marcus!
Ist klar, dass sich der Kurs normalerweise nicht so verhält, dass er auf den Cent genau an der Linie abprallt. Aber ob Linie oder ob Zone, irgendwo muss man die Order anhand seiner Überlegungen platzieren, außer man sitzt bei Erreichen der Zone vor dem Rechner und kann noch ein wenig “tape reading” und “Bauchgefühl” integrieren.
Schönen Abend noch.