Anlässlich des Beitrages “Die besten Chancen in dieser Dekade?” im “Börsennotizbuch” möchte ich hier etwas deutlicher als sonst davon abraten, den Meinungsmachern (spin doctors) der Finanzmedien bzgl. irgendwelcher Anlageempfehlungen auch nur ein einziges Wort zu glauben. Die Autoren dieser Publikationen sind in den meisten Fällen in erster Linie Journalisten und haben vermutlich Journalismus und/oder Wirtschaftswissenschaften studiert.

Es werden in jeder Publikation so viele Empfehlungen ausgesprochen, dass die Herausgeber und Autoren Wochen oder Monate später ins Archiv gehen und immer positive Beispiele finden können. Das ist reine angewandte Statistik. Die negativen lässt man zum Großteil außen vor. Als Otto Normal Anleger macht man sich ja nicht die Arbeit, diese negativ verlaufenen Empfehlungen heraus zu suchen. Nur wenn man nach einer Empfehlung gehandelt hat, die zum Verlierer wird, bekommt man so eine negatives Beispiel geliefert. Dann denkt man “Alle Empfehlungen klappen, nur ich setze ausgerechnet auf den einzigen Verlierer.”

Ich möchte hier ausdrücklich sagen, dass prinzipiell niemand die Zukunft voraussagen und die Kurse von morgen, nächster Woche oder vom nächsten Jahr sicher und korrekt prognostizieren kann. Niemand! Vor allem ich nicht.

Die andere Sache ist die des Anlagehorizonts. Welchen Anlagehorizont haben die Autoren des Artikels? Sind es Schnäppchen mit Blick auf Tage, Wochen, Monate oder Jahre? Das Problem ist, dass Verlierer schnell in den nächst längeren Anlagehorizont verschoben werden, nach dem Motto: “Ich bin nach zwei Wochen mit der Aktie 20% im Minus. Na, dann wird es eben ein Langfristinvestment.”

Ohne eigenes Nachdenken und eigene Arbeit geht es nicht. Und selbst nach nach stundenlangem Grübeln weiß man oft nicht weiter, oder schlimmer noch, liegt falsch. Aber als Trader versuche ich so oft wie möglich richtig zu liegen. In den Fällen, in denen ich falsch liege, muss ich das schnell erkennen und die Verluste begrenzen. Aber auch für langfristige Positionen will ich so billig wie möglich kaufen.

Im oben genannten Beitrag im Börsennotizbuch heißt es, dass der Autor Jim Miller von The Motley Fool im Beitrag The Best Opportunity This Decade bei den aktuellen Aktienkursen “bargains”, also “Schnäppchen”, sieht. Nun ist Motley Fool nicht irgend eine Website mit ein paar Hundert Besuchern wie dieser Blog hier. Also kann man schon mal in die Versuchung kommen zu denken, sie wüssten worüber sie schreiben. Aber wenn sie sagen “Die beste Gelegenheit des Jahrzehnts” können sie es, wie oben gesagt, gar nicht wissen. Vielleicht fallen die Kurse noch weiter, und es gibt noch bessere Gelegenheiten. Man sieht, wie wichtig (und richtig) ein Fragezeichen sein kann: Martin schreibt im Börsennotizbuch “Die besten Chancen in dieser Dekade?

Durch Zufall habe ich vor ein paar Tagen aufgrund eines Trades in Cisco den Artikel Time for Tech? Yes! des Autors Tim Beyers von The Motley Fool gefunden, in dem es heißt:

And now, thanks to Mr. Market’s unstable personality, they’ve suddenly gone cheap. How lucky is that? Very, I’d say. See you at the bargain rack.

In dem Artikel vom 13.11.2007 wurden die Aktien von Cisco (Nasdaq: CSCO), Oracle (Nasdaq: ORCL), Research In Motion (Nasdaq: RIMM), Google (Nasdaq: GOOG), Intel (Nasdaq: INTC) und Akamai (Nasdaq: AKAM) aufgrund der starken Verluste der vorhergehenden Woche zum Kauf empfohlen und ebenfalls als “bargain” bezeichnet.

Genau diese starken Verluste interpretierte ich als das Ende des Bullenmarktes (8.11.2007), was sich im Nachhinein als richtig erwies. Es hätte natürlich auch anders ausgehen können. Ninemand weiß im Voraus, was passieren wird. Die Charts der Aktien findest Du am Ende des Beitrags.

Auch heute ist meine Einstellung genau gegensätzlich zu der von Jim Miller: Wir haben meiner Meinung nach den Boden des aktuellen Bärenmarktes noch nicht gesehen. Bevor dieser beendet wird, wird es noch eine echtes Bludbad in den USA bei den Banken, Rating Agenturen, dem Immobilienmarkt usw. geben. So habe ich z.B. noch kaum etwas von irgend welchen Schadensersatzklagen in Höhe von einigen Fantastilliarden Dollar gegen Investmentbanken, gegen Einrichtungen der Regierung und besonders gegen die Rating Agenturen gehört. Diese werden kommen, gerade in den USA.

Außerdem gibt es immer noch viel zu viele Bullen, und darunter besonders diejenigen, die ihre Hoffnung auf das angeblich negative Sentiment stützen. Am Ende des aktuellen Bärenmarktes sehe ich die Kapitulation der Banken und auch der Notenbanken. Sie werden mit ihren Versuchen aufhören, durch Interventionen, irreführende Aussagen und Teilwahrheiten wie “wir sind kaum betroffen” die Finanzmärkte zu stützen. Die darauf folgende Panik wird dann die beste Gelegenheit des Jahrzehnts sein. Vorher werden wir vermutlich beim Gold im Bereich von $750 bis $800 eine Gelegenheit des Jahrhunderts bekommen. Aber wie gesagt, das ist meine Einschätzung, die bestimmt teilweise und vielleicht sogar ganz falsch ist. Denn niemand kann die Zukunft voraus sagen.

Vor den Charts noch einige prominente Beispiele:

  • “Wir haben eine Menge billiger Technologie Aktien die man kaufen sollte, dazu zähle ich Intel , Microsoft and Cisco.” – Jim Cramer in seiner Mad Money Lightning Round vom 12.11.2007
  • “Die Profis haben angefangen Tech Aktien zu kaufen, weil die Profis wissen, wie man kauft. Die Amateure warten noch, deswegen sind sie Amateure. [...] Mein selbst entwickelter Indikator (sie müssen dafür eine Gebühr bezahlen) sagt mir, dass ich Tech Aktien kaufen will.” – Jim Cramer in einem Interview bei TheStreet.com am 13.11.2007. Wie arrogant ist das denn?
  • Und bezogen auf das negative Sentiment bei uns “Amateuren” schrieb Bernie Schaeffer, Option Advisor, in seiner Forbes Kolumne A Bit More Fear Would Help Stocks vom 12.11.2007: “My associate, Chris Prybal, from our quantitative analysis department, looked at the market’s returns for the past 20 years when this level of retail bearishness is seen. Returns from this signal date back to July of 1987, when the AAII first began conducting this survey. The results going forward from there are quite impressive. There have been 15 signals during this time, including the one just hit Nov. 8. Looking five days past this signal, 66.7% returns have been positive. Twenty days out, 86.7% of the subsequent returns are positive; 92.9% have been positive looking 50 trading days out. For the five-, 20-, and 50-day periods, the average percentage return is 3.7%, 8.2%, and 18.3%.” – . Ja, ja, die tollen Profis und Quants. Von wegen plus 18% nach 50 Handelstagen. Eher 10% Minus. Da bleibe ich lieber Amateur.

Im Anschluss noch die Charts:

Tageschart von Akamai vom 12.02.2008 Tageschart von Akamai vom 12.02.2008

Tageschart von Cisco vom 12.02.2008 Tageschart von Cisco vom 12.02.2008

Tageschart von Google vom 12.02.2008 Tageschart von Google vom 12.02.2008

Tageschart von Intel vom 12.02.2008 Tageschart von Intel vom 12.02.2008

Tageschart von Oracle vom 12.02.2008 Tageschart von Oracle vom 12.02.2008

Tageschart von Research In Motion vom 12.02.2008 Tageschart von Research In Motion vom 12.02.2008

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