Wird der Ölpreis in den USA manipuliert?
Das ist eine Frage, die ich mir über das Wochenende gestellt habe. Ich gehöre nun wirklich nicht zu denjenigen, die für alles mögliche eine Verschwörungstheorie auf Lager haben, aber etwas komisch ist die Datenlage zu den Ölpreisen von der in den USA vorherrschenden Sorte West Texas Intermediate (WTI) und dem in Europa haupsächlich zum Einsatz kommenden Brent schon. Vor allem die dazugehörigen Interpretationen sind in meiner Meinung nach etwas aus den Fingern gesogen. Aber zuerst die Fakten.
Die Preise für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der beiden Sorten WTI und Brent sind normalerweise miteinander gekoppelt. Im langjährigen Mittel liegt der Preis für WTI ca. 1 US-Dollar über dem des Brent, vermutlich wegen der etwas besseren Qualität. Das ist deutlich in folgendem Chart zu sehen, in dem die Preisdifferenz Brent minus WTI aufgetragen ist (für eine größere Darstellung auf die Charts klicken).
In der letzten Zeit, vor allem seit April gibt es aber deutliche Verschiebungen bei dieser Preisdifferenz, die Spread-Trader sind machtlos:
So, nun kommen wir zu den Begründungen, die in der Presse zu finden sind:
A) Ölpreis über 70 Dollar (n-tv)
WTI hat seinen Status als Benchmark für den weltweiten Ölpreis aktuell eingebüßt, da die Preisentwicklung seit einigen Wochen deutlich von der anderer Ölsorten abweicht. Ausschlaggebend für den zuletzt vergleichsweise geringen Preisanstieg bei WTI war ein Überangebot am Handelspunkt Cushing in Oklahoma in den USA [...]. Raffinerieausfälle und ungewöhnlich lange Wartungsphasen hatten zu einer geringeren Nachfrage geführt. Gleichzeitig wurde viel Öl aus Kanada importiert. Dementsprechend stieg der WTI-Preis im Vergleich zu Brent deutlich weniger.
Die hier genannten Gründe sind (i) hohe Vorräte im Lager von Cushing/Oklahoma, da aufgrund von Raffinerieausfällen die Nachfrage unter den Lieferungen in das Öllager liegen soll. Ein weiterer Grund sei, dass (ii) “viel” Öl aus Kanada importiert wurde.
B) Brent-Öl pendelt um 70 Dollar (n-tv)
Am Vortag war der Ölpreis um zwei Dollar beziehungsweise 3,3 Prozent gestiegen. Grund dafür war unter anderem die Sorge, dass Probleme bei US-Raffinerien zu Versorgungsengpässen vor der Urlaubssaison im Sommer führen könnten. Die jüngsten Störungen bei den Raffinerien haben dazu geführt, dass die US-Benzinvorräte derzeit sieben Prozent unter ihrem Fünf-Jahres-Schnitt für Mitte Mai liegen.
Die Autoren wissen nicht was sie schreiben (sollen). Dass Raffinerieausfälle zu geringerer Nachfrage von Rohöl (Preis runter) und entsprechend geringerem Angebot von Benzin (Preis rauf) führen, sehe ich ja ein, aber dass hier die Probleme bei den Raffinerien zu genau dem Gegenteil wie im ersten Artikel, nämlich zu steigenden Ölpreisen führen sollen, erschließt sich mir nicht. Beide Artikel erschienen innerhalb weniger Tage auf den Seiten von n-tv. Was für ein Geschreibsel…
C) Verbraucher müssen sich auf steigende Ölpreise einstellen (Handelsblatt vom 27. Mai 2007)
Schuld an der ungewöhnlichen Preisentwicklung ist die angespannte Situation bei den Lagerkapazitäten in den Ölanlagen im Süden der USA. “Die Lagerkapazitäten sind ausgereizt”, beschrieb Expertin Barbara Lambrecht von der Commerzbank die Lage. Im Frühjahr hätten sich die Instandsetzungarbeiten in den Raffinerien und eine Umstellung der Anlagen von der Heizöl- zur Benzin-Produktion ungewöhnlich lange hingezogen. “Das Rohöl konnte zuletzt wegen der Arbeiten an den Raffinerien nicht wie gewohnt abfließen”, sagte Lambrecht weiter. Zudem habe es aus Kanada starke Zuflüsse an Rohöl gegeben und den WTI-Preis somit unter Druck gesetzt.
Auch in diesem Artikel werden als Gründe (i) die vollen Lager im Süden der USA und (ii) die starken Zuflüsse aus Kanada genannt.
D) Verwerfungen am Markt für Rohöl (FAZ.NET 17. April 2007)
Hauptgrund für die abnorme Entwicklung der Preisdifferenz sind die randvollen Lagerstätten für WTI in der Umgebung von Cushing im amerikanischen Bundesstaat Oklahoma. Cushing ist der Ort, an dem physisches WTI, wie es an der New York Mercantile Exchange (Nymex) in New York gehandelt wird, formal gegen den Nymex-Kontrakt anzudienen ist. Tatsächlich aber kann physisches WTI wegen des verzweigten Systems von Ölleitungen auch an anderen Plätzen angeliefert werden. Die Hauptursache für die vollen WTI-Lager in der Gegend von Cushing ist ein Feuer, das am 16. Februar in der McKee-Raffinerie in Sunray (Texas) ausbrach und den Betrieb dort zum Erliegen brachte.
In normalen Zeiten verarbeitet sie rund 160.000 Barrel am Tag. Die WTI-Mengen, die McKee nicht abnehmen konnte, wurden in Lagerstätten in Cushing umgeleitet, deren Kapazitäten aber begrenzt sind. Um die Situation nicht außer Kontrolle geraten zu lassen, wurde das überschüssige Öl fast um jeden Preis angeboten. Raymond James berichtet, im physischen Handel in Cushing sei für WTI jüngst ein Abschlag von bis zu 8 Dollar gegenüber dem zeitgleich in London ermittelten Preis für Brent verzeichnet worden.
In diesem Artikel auf FAZ.NET werden die vollen Lager in Cushing und deren Bedeutung für den Preis der Future Kontrakte auf physisches Öl an der Nymex zueinander in Beziehung gesetzt. Desweiteren wird die ausgefallenen Raffinerie genannt.
E) Ölpreis im Aufwind (FAZ.NET 21. Mai 2007)
Anders als die Ölsorte Brent liegt die in New York gehandelte, gleichwertige Sorte West Texas Intermediate (WTI) mit gut 65 Dollar stark zurück. Hier herrschen wegen Verwerfungen am Kassamarkt im Bundesstaat Oklahoma seit Monaten abnorme Bedingungen.
Die Verwerfungen am Kassamarkt, die auf die vollen Lager zurück zu führen seien, herrschen also angeblich schon seit Monaten. Der Preisunterschied liegt also, nach allem was ich in der Presse finden konnte, allein an dem erhöhten Angebot in den USA, speziell in Cushing, Oklahoma. Von einer erhöhten Nachfrage nach Brent (aus Indien, China oder woher auch immer) wie noch vor einiger Zeit zu lesen war, ist nirgendwo die Rede (Amerikaner schnappen Europäern ihr Öl weg, Handelsblatt vom 18. August 2005):
Die USA verstärkten mit ihrem kräftig steigenden Ölkonsum die Ungleichgewichte an den Energiemärkten. Ihren Importbedarf decken sie verstärkt in Europa. Dies führt dazu, dass sich das für Europa maßgebliche Brentöl stark verteuert hat. Derzeit kostet ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent mit knapp 56 Dollar etwa so viel wie das amerikanische Leichtöl WTI. Normalerweise kostet das amerikanische Leichtöl wegen der höheren Transportkosten in den USA rund zwei Dollar mehr als Brentöl.
Die Fragen, die sich mir jetzt stellen sind, wie hoch sind die Importe aus Kanada, dass sie so einen Druck auf den Preis des WTI ausüben können sollen? Was haben eigentlich die Importe aus Kanada nördlich der USA mit den vollen Lagern im Süden der USA zu tun? Sollte das Öl aus Kanada wirklich erst nach Süden gepumpt werden? Warum ist Cushing so wichtig? Wie hoch sind die Lagerbestände in Cushing im Vergleich zu früheren Monaten und im Vergleich zu den Ölvorräten in den gesamten USA? Wieso hat die McKee-Raffinerie in Sunray (Texas) so einen größen Einfluss? Wie hoch ist ihre Verarbeitungsleistung von 160.000 Barrel am Tag im Vergleich zu der Gesamtproduktion in den USA?
Hier helfen keine Mutmaßungen, sondern wir müssen uns schon die Arbeit machen, uns ein paar belastbare Zahlen heraus zu suchen. Glücklicherweise gibt es dafür die Energy Information Administration (EIA), die mit Statistiken und Daten zum Öl und den Folgeprodukten nur so um sich wirft.
Betrachtet man die Vorräte im Lager von Cushing, so sieht man ganz klar, dass diese seit Anfang 2007 deutlich zugenommen haben. Allerding war das auch Anfang 2005 und auch im Jahr 2006 mehrmals der Fall, was jedoch nicht zu einer so hohen Preisdifferenz zwischen WTI und Brent geführt hat. Ob die Kapazität des Lagers sich in dieser Zeit verändert hat, konnte ich leider nicht finden.
Noch interessanter ist die Betrachtung der gesamten Ölvorräte in den USA (ohne die strategische Petroleum-Reserve, SPR, in rot) im Vergleich zu den Vorräten in Cushing (blau). Letztere betragen nicht einmal 8% der gesamten Vorräte. Betrachtet man nur die Zunahme seit Anfang des Jahres, so beläuft sich diese auf ca. 1% der Ölvorräte der USA. Und dieses eine Prozent mehr im Lager von Cushing (das selbstverständlich gute Anbindungen an das Pipeline-Netz der USA besitzt) soll den Preis von WTI relativ zum Brent im Vergleich zum langjährigen Mittel um ca. $8, also über 10% senken? Wird wegen dieser Menge das Öl “fast um jeden Preis angeboten”, und zwar nicht nur das in Cushing, sondern bei allen Raffinerien in den USA? Nicht nur Brent, auch andere Leichtöle vergleichbarer Qualität sind deutlich teurer als WTI. Also, das lasse ich mir nicht erzählen, zumal die gesamten Ölvorräte der USA seit Frühjahr 2006 eher leicht abwärts tendiert haben.
Kommen wir nun zu den ominösen Importen aus Kanada. Eigentlich ist es ja gleichgültig, woher das Öl importiert wird, ausschlaggebend ist die Qualität und der Preis. Kanada ist in der Tat der Hauptlieferant für Öl in die USA, dicht gefolgt vom Persischen Golf und den OPEC Mitgliedern Nigeria, Venezuela und Saudi Arabien, aber es hat keine exorbitante Zunahme des Imports stattgefunden, weder in die Region PADD-2 (blau), zu der Oklahoma gehört, noch bei den gesamten Ölimporten in die USA (rot), wie man folgenden Charts entnehmen kann.
Blieben als Ursache noch die Probleme in der McKee-Raffinerie in Sunray (Texas) die zu Valero gehört, die mit einer Leistung von 160000 Barrel am Tag nicht klein ist, aber auch nicht zu den größten Raffinerien gehört, besonders nicht in Texas. Außerdem zeigt der Aktienkurs von Valero (VLO), der von Anfang März bis Ende Mai von $60 auf $78 gestiegen ist, dass die Probleme weder groß noch langfristig sind.
Irgendjemand hat die Story von Cushing, der defekten Raffinerie und umfangreichen Importen aus Kanada in die Welt gesetzt, die jetzt schön von allen “Experten” auf dieser Welt nachgeplappert wird. Aber das kann so nicht stimmen. Der Preis von WTI erscheint mir künstlich niedrig gehalten zu werden, von wem auch immer, warum auch immer, wie auch immer, und wird sich langfristig wieder an das langjährige Mittel relativ zum Preis von Brent anpassen.
Wer sich für die wöchentlichen Zahlen interessiert, kann sich bei der EIA den Newsletter “This Week In Petroleum” abonnieren. Die EIA ist aber eine Organisation der US Regierung. Ob man den Zahlen also trauen kann?