Das FOMC Statement und die Zinsen in den USA
In der vergangenen Woche folgte dem FOMC Statement zur Lage der Konjunktur und der Zinsentscheidung in den USA innerhalb weniger Minuten eine fulminante Kursrallye an den US Börsen. Am Donnerstag habe ich geschrieben, dass ich die Reaktion des Marktes nicht verstehe. Nach einigem Nachdenken kann ich jetzt eine Erklärung anbieten, doch dazu später mehr.
Vorher möchte ich noch einen das FOMC Statement von letzter Woche mit dem vorherigen vom 31. Januar vergleichen, ähnlich wie es auch das Wall Street Journal in “Parsing the Fed” gemacht hat (via Börsennotizbuch):
Absatz 1 vom 31. Januar
The Federal Open Market Committee decided today to keep its target for the federal funds rate at 5-1/4 percent.
Absatz 1 vom 21. März
The Federal Open Market Committee decided today to keep its target for the federal funds rate at 5-1/4 percent.
Wenn das kein Fehler durch Kopieren-Einfügen ist, dann sollte dort wirklich identischer Text stehen. Machen wir weiter mit Absatz zwei.
Absatz 2 vom 31. Januar
Recent indicators have suggested somewhat firmer economic growth, and some tentative signs of stabilization have appeared in the housing market. Overall, the economy seems likely to expand at a moderate pace over coming quarters.
Absatz 2 vom 21. März
Recent indicators have been mixed and the adjustment in the housing sector is ongoing. Nevertheless, the economy seems likely to continue to expand at a moderate pace over coming quarters.
Haben die Indikatoren im Januar ein etwas festeres Wirtschaftswachstum angezeigt, so lautet die neuest Aussage, dass die Indikatoren uneinheitlich sind. Das sehe ich als Verschlechterung der Konjunktureinschätzung an und gebe dafür einen Minuspunkt (Stand -1 Punkt).
Als zweites wird in beiden Fällen der Immobilienmarkt angesprochen. Im Januar hieß es noch, dass einige vorläufige Anzeichen einer Stabilisierung auf dem Immobilienmarkt aufgetaucht seien. Letzte Woche war hingegen von einer anhaltenden Bereinigung im Immobiliensektor zu lesen. Das ist wieder eine Verschlechterung der Wirtschaftslage, also insgesamt -2 Punkte.
Der Rest des zweiten Absatzes ist fast identisch, gehen wir also weiter zu Absatz 3, in dem es um die Inflation geht. Auch hier muss man wie üblich jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Absatz 3 vom 31. Januar
Readings on core inflation have improved modestly in recent months, and inflation pressures seem likely to moderate over time. However, the high level of resource utilization has the potential to sustain inflation pressures.
Absatz 3 vom 21. März
Recent readings on core inflation have been somewhat elevated. Although inflation pressures seem likely to moderate over time, the high level of resource utilization has the potential to sustain those pressures.
Am 31. Januar war die Aussage, dass die Kerninflation sich in den vorhergehenden Monaten etwas verbessert hat und der Inflationsdruck sich vorraussichtlich mit der Zeit mildern wird. Die hohe Auslastung der Produktionsmittel habe aber das Potenzial, den Inflationsdruck aufrecht zu halten.
Etwas anders liest sich das im letzten Statement: Die Kerninflation war bei den jüngsten Messungen etwas erhöht. Obwohl der Inflationsdruck sich vorraussichtlich mit der Zeit mildern wird, habe die hohe Auslastung der Produktionsmittel das Potenzial, den Inflationsdruck aufrecht zu halten. Eine erhöhte Inflation ist natürlich wieder ein Minuspunkt, also insgesamt schon -3 Punkte.
Kommen wir zum vierten und letzten Absatz (die Aufzählung der Mitglieder vernachlässige ich), der den Ausblick auf die Inflation und Andeutungen zum weiteren Vorgehen der Fed enthält.
Absatz 4 vom 31. Januar
The Committee judges that some inflation risks remain. The extent and timing of any additional firming that may be needed to address these risks will depend on the evolution of the outlook for both inflation and economic growth, as implied by incoming information.
Absatz 4 vom 21. März
In these circumstances, the Committee’s predominant policy concern remains the risk that inflation will fail to moderate as expected. Future policy adjustments will depend on the evolution of the outlook for both inflation and economic growth, as implied by incoming information.
Im Januar hieß es: Das FOMC sieht, dass einige Inflationsrisiken noch vorhanden sind. Das Ausmaß und der Zeitpunkt einer weiteren Straffung (also Zinsanhebung), die notwendig sein könnte, um diese Risiken anzugehen, werden von [...] abhängen.
Im März steht im vierten Absatz folgendes: Unter diesen Umständen bleibt das Risiko, dass die Inflation sich nicht wie erwartet abschwächt, das vorherrschende Anliegen der Politik des FOMC. Zukünftige Anpassungen der Politik werden von [...] abhängen.
Dieses scheint der Absatz des Statements zu sein, auf den sich alle gestürzt haben. Die Kurse sprangen ja so schnell an, das kaum jemand in der Zeit das ganze Statement lesen konnte. Gebe ich diesem Absatz aufgrund der fehlenden Tendenz zu Zinsanhebungen einen Pluspunkt, so komme ich zu einem Gesamtergebnis von -2 Punkten.
Warum aber die Änderung der Wortwahl von “weiteren Straffungen” zu “zukünftigen Anpassungen” scheinbar eine nicht geringe Anzahl von Marktteilnehmern auf bald fallende Leitzinsen spekulieren lässt, ist mir ein Rätsel, besonders vor dem Hintergrund der Einschätzung des FOMC zu der gestiegenen Kerninflation. Oder spekulieren alle darauf, dass Ben mit seinem Team die Inflation beiseite schiebt und weiterhin munter Geld druckt, um der Krise auf dem Immobilienmarkt entgegenzutreten?
In diesem Zusammenhang musste ich dann aber an das Interview mit Jim Cramer denken, einem ehemaligen Manager eines Hedge Fonds. In diesem Interview legt er auch Methoden offen, wie man eine solche Position nutzen kann, um die Finanzpresse in eine bestimmte Richtung zu lenken (“Dann ruft man das Wall Street Journal an und füttert den blöden Reporter …” → “Gerüchte für die blöden Journalisten” auf FAZ.NET).
Ich denke, es ist genau das, eine Titelstory für die Großen der Branche, die ihre Bestände in die dadurch erzeugte Stärke verkaufen wollen. Die gesamte Presse hat sich, aus welchen Gründen auch immer, ausschließlich auf den vierten Absatz des Statements gestürzt. Hier einige Schlagzeilen:
- Hoffnung auf niedrigere Zinsen treibt Aktienkurse
- Fed lässt sich Spielraum für Zinssenkung
- Zinssenkungssignal aus den USA treibt Euro
- FOMC keeps rates at 5.25%, drops reference to possible hike
- usw.
In dieses Bild passt auch die Aussage von
Steve Goldman, dem
Obermufti
Chef-Marktstrategen bei Weeden & Co.:
“Wir werden hochgehen oder die Gewinne halten. Es mag vielleicht zu
Zurückhaltung kommen, wenn wir uns den bisherigen
Hochs nähern, aber der Hintergrund ist weiterhin positiv
für die Aktienkurse.” Oder die von Brian Stine, Investment Stratege
bei Allegiant Asset Management: “Bernanke wird [am Mittwoch vor dem Kongress
in einer Diskussion zum subprime Hypothekenmarkt] vermutlich sagen, dass wir
keine gesetzliche Regelung benötigen und dass der Markt sich um sich selbst
kümmern kann. Die Märkte werden das mögen, und es wird einen
beruhigenden Einfluss haben”. Immer schön einlullen…
Wer da wohl wen angerufen hat. Ich glaube, das Beste ist es, sich nicht von dieser Euphorie anstecken zu lassen. Achtet auf die Kurse und das Volumen. Der Chart lügt nicht. Bleibt diszipliniert! Handelt nach Euren Regeln, und nicht aufgrund von Änderungen von Textpassagen in FOMC Statements, den Schlagzeilen in der Finanzpresse oder ähnlichem Aktien Spam.