Wie geht es nun weiter mit dem Ölpreis? Zuerst einmal bleibt die Hurrikan-Saison dieses Jahr ziemlich milde, da aufgrund von El Niño in der Karibik und im Golf von Mexiko keine schweren Stürme zu erwarten sind (dafür aber über dem Pazifik). Das dürfte für einen niedrigen Ölpreis sprechen. Wieso hat eigentlich Brian Hunter, der ehemalige Zocker Star-Trader von Amaranth Advisors, diesen bekannten Zusammenhang bei seinem hemmungslosen Overtrading in Erdgaskontrakten nicht berücksichtigt, obwohl es seit dem 11. Juli offiziell ist, dass das Klimaphänomen El Niño nach dem Winter von 1997/1998 zum ersten Mal wieder auftaucht? Ebenfalls für einen niedrigen Ölpreis spricht, dass viel spekulatives Kapital im Öl investiert war und vermutlich auch teilweise immer noch ist.

Für einen steigenden Ölpreis sprechen der Atombombentest von Nordkorea, welches aber scheinbar zu neuen Verhandlungen bereit bereit ist, der Abbruch der Verhandlungen mit dem Iran und der Wintereinbruch im Nordosten der USA.

Das waren bisher einige der möglichen natürlichen und geopolitischen Einflüsse auf den Ölpreis. Wie sieht es denn mit Angebot und Nachfrage aus? Im Moment scheint es so, dass vor dem Hintergrund des sich verlangsamenden Wirtschaftswachstums und den hohen Ölvorräten das Angebot höher ist als die Nachfrage. So hat sich die OPEC entschlossen, erstmals seit 2004 die Öl-Förderung zu drosseln, um die Preise nicht weiter sinken zu lassen. Die OPEC habe festgestellt, dass “die Weltwirtschaft auch bei einem Ölpreis von 65 bis 75 Dollar läuft”. Bei solchen Preisen lohnen sich aber auch alternative Energien sowie die Erschließung und der Abbau bisher brach liegender Lager fossiler Energieträger.

Und was sagt der Chart? Der Ölpreis ist nun in dem hier einige Male genannten Zielbereich von 55 bis 58 Dollar angekommen. Nach dem Durchmarsch durch zwei Trendlinien befindet sich der Ölpreis jetzt in einer starken Unterstützungszone. Ein Verlassen dieser Zone nach unten mit einem Bruch der Marke von 55 Dollar könnte den Ölpreis bis auf die Linie des Aufwärtstrends von Anfang 2002 bei 45 Dollar rutschen lassen. Ein Ausbruch nach oben sollte bis an die nun als Widerstand zu sehende Trendlinie bei ca. 63,50 Dollar führen.

Wenn man sich jetzt noch den historischen Chart des Ölpreises der letzten 20 Jahre ansieht, in dem die beiden letzten Rezessionen blau markiert sind, kann einem etwas mulmig werden. Ich glaube nicht, dass dieser Anstieg wirklich einfach so an der Weltwirtschaft vorbeiziehen wird und wir mit Ölpreisen von über 60 Dollar munter weitermachen können, wie die OPEC das vielleicht gerne hätte. Bisher hat ein hoher Ölpreis die Konjunktur immer deutlich abgeschwächt.

Das für mich wahrscheinlichste Szenario ist eine leichte Erholung des Ölpreises bis an die genannte Marke von 63,50 Dollar mit einem anschließenden Fall auf unter 50 Dollar. Sollte die Wirtschaft der USA in eine Rezession geraten, so ist ein Ölpreis von knapp 40 Dollar vorstellbar. Da ich aber nicht die Zukunft vorhersehen kann, werde ich wie immer nur das handeln, was ich sehe, und meine Überzeugung hinten anstellen.

‘Diesmal wird alles anders sein’ sind die fünf teuersten Worte an der Börse. – Andre Kostolany

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