Seit einigen Tagen wird die Möglichkeit, dass wir uns kurz vor einem Börsencrash befinden, sehr intensiv in Börsenbriefen und Diskussionsforen im Internet diskutiert. Diese “Prognose” basiert vor allem auf einem technischen Signal, dem sogenannten “Hindenburg Omen”, und einigen wirtschaftlichen Indikatoren in den USA.

Das Hindenburg Omen – Wer hat’s erfunden?

Soweit ich im Internet die Herkunft des “Hindenburg Omens” zurückverfolgen konnte, basiert dieser technische Indikator auf der Arbeit von Norman Fosback zu seinem High-Low-Indikator. Dieser wurde dann von Jim Miekka und Kennedy Gammage um einige Filter erweitert. Die neuesten Backtest-Daten stammen von Robert D. McHugh, der eine weitere Bestätigung durch mehrfach auftretende “Hindenburg Omen”, einem sogenannten “Hindenburg Cluster” fordert (s.u.).

Wie wird der Hindenburg Indikator berechnet?

Auch hier gibt es verschiedene Quellen mit unterschiedlichen Berechnungsmethoden. Grundlage ist bei allen die Anzahl neuer 52-Wochen-Hochs und -Tiefs der an der New York Stock Exchange (NYSE) gehandelten Aktien. Das Grundprinzip des Indikators ist, dass in einem klaren Börsenumfeld entweder die Zahl der neuen Hochs (Bullenmarkt) oder der neuen Tiefs (Bärenmarkt) besonders hoch ist, aber dass es ungewöhnlich ist, wenn sowohl die Zahl der neuen Hochs als auch der neuen Tiefs gleichzeitig besonders hohe Werte erreicht. Diese Tatsache ist ein Zeichen starker Divergenzen im Markt. Zusätzlich existieren dann noch einige als Filter wirkende Bedingungen, die erfüllt sein müssen.

Bedingung Nr. 1
In den Quellen, die ich gefunden habe, wird die Mindestanzahl der 52-Wochen-Hochs und -Tiefs auf jeweils 2,2% oder 2,4% der Gesamtanzahl der an der NYSE gehandelten Aktien festgelegt.
Bedingung Nr. 2
Diese Bedingung enthält den Gleitenden Durchschnitt der NYSE Aktienindex als Grundlage. Der 10-Wochen-Durchschnitt muss am Tag der hohen Anzahl von den obigen Hochs und Tiefs steigen.
Bedingung Nr. 3
Der McClellan Oszillator muss am selben Tag negativ sein. Dieser Oszillator basiert auf der Anzahl steigender und fallender Aktien.
Bedingung Nr. 4
Die Anzahl der neuen Hochs darf nicht mehr als das Doppelte der Anzahl der neuen Tiefs betragen.
Bedingung Nr. 5
Sind die obigen vier Bedingungen gleichzeitig an einem Tag erfüllt, so gilt dieses als ein “Hindenburg Omen”. Robert D. McHugh fordert jetzt noch als fünfte Bedingung, dass ein einzelnes “Hindenburg Omen” nicht aussagekrüftig ist, sondern nur ein sogenannter “Hindenburg Cluster”, d.h. mindestens zwei Tage mit einem “Hindenburg Omen” innerhalb von 36 Tagen.

Testergebnisse auf historischen Daten

Mit diesen fünf Bedingung hat Robert D. McHugh back tests auf historischen Daten der letzten 21 Jahre durchgeführt. Das Ergebnis ist, dass in dieser Zeit nur 22 “Hindenburg Cluster” aufgetreten sind. Jedem Cluster folgte ein Börsen Crash oder zumindest ein panikartiger Verkauf an den Börsen. Die Daten können in einem Artikel von Robert D. McHugh eingesehen werden.

Mit einer anderen Berechnungsmethode, bei der ausschließlich der gleitende 5-Tages-Durchschnitt der Hochs und Tiefs mindestens 2,4% der gehandelten Aktien betragen muss, kommt man zu dem Ergebnis, dass dieser Indikator nicht aussagekräftig ist.

Ein Vorwärtstest steht unmittelbar bevor

Ende September 2005 ist wieder ein Cluster aus fünf Tagen mit einem “Hindenburg Omen” aufgetreten. Diese Tatsache und die obigen Ergebnisse von Robert D. McHugh hinterlassen im ersten Moment ein mulmiges Gefühl. Aber bei diesem Indikator und dem back testing bleiben natürlich einige Fragen offen. Wieso wird nur die NYSE berücksichtigt, warum sind es gerade mindestens 2,2% und nicht 1,9% oder 2,5% usw. Ähnliche Fragen werfen auch die anderen Bedingungen auf. Was passiert, wenn man das back testing auf einen längeren Zeitraum ausdehnt? Hat er dann immer noch 100% Prognosekraft? Für mich sieht das so aus, dass hier auf historischen Daten im back testing der Indikator etwas zu stark optimiert wurde (over fitting). Aber wir befinden uns ja jetzt in der glücklichen Lage, den Indkator einem forward testing unterziehen zu können. Mal sehen, ob wir im Oktober oder November wirklich einen Crash bei den Aktien erleben. Sollte dieses der Fall sein, werde ich das “Hindenburg Omen” definitiv als Indikator in meine Standardanalysen übernehmen. Aber auch wenn man diesen Indikator als reinen Hokus-Pokus betrachtet: Aufgrund der charttechnischen Lage der amerikanischen Börsen und anderer Indikatoren in der amerikanischen Wirtschaft kann es meiner Meinung nach nicht falsch sein, Longpositionen abzubauen und etwas mehr Geld bereit zu halten oder sich sogar schon auf fallende Kurse vorzubereiten.

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